Berufe und Standesangaben

Ab und zu stoßen wir bei der Lekture alter Urkunden, Kirchenbücher oder anderer Dokumente auf Berufs- oder Standesangaben, die längst vergessen und heute nicht mehr gebräuchlich sind. Manchmal handelt es sich auch um Angaben, die nur regional gebräuchlich waren und daher in Lexika nicht gefunden werden.

Die folgenden Beschreibungen sollen Anfängern und Fortgeschrittenen bei der Erforschung der pommerschen Vorfahren langwierige Suchen nach der Bedeutung von Berufen und Standesangaben ersparen. Anregungen zur Aufnahme weiterer Berufs- und Standesbezeichnungen werden gerne entgegen genommen.

Ratteier

Fundort:
KB Groß Dübsow 1661, KB Stojentin 1774

 

Beschreibung:
Ratai, Retay, Ratteier, m., Arbeiter, der auf einem Gute gegen mäßigen Lohn an Geld und hin und wieder auch etwas Acker zur Nutzung als Pflüger dient und auf Scheffel-Tantieme drischt.
Quelle: Frischbier, H., Preussisches Wörterbuch, Ost- und Westpreussische Provinzialismen in alphabetischer Folge, 2. Band, Berlin 1883, S. 215 (Google Books, 10.10.2012)

 

Ratteier, Pflugknechte, erhalten eine Wohnung, 1 Morgen Garten, 1 Morgen Acker in jedem Felde, die Weide für einige Stück Vieh, 6 Thlr. Lohn, 4 Scheffel Roggen, 1 1/2 Scheffel Erbsen, 2 Scheffel Hafer, 6 Stof Salz; und müssen dafür täglich - vom 25sten März bis Martini - sobald es verlangt wird, mit 4 von ihnen gehaltenen Ochsen pflügen, sind jedoch statt dessen zu keiner anderen Arbeit verpflichtet*). Von Martini bis 25sten März dreschen sie um den 11ten Scheffel.
*) Sollte hierin der Bericht des Hrn. Landraths ganz richtig sein? - Daß der Ratteier von seinem geringen Landbestande 4 Ochsen für seinen Herrn sollte halten können, scheint mir nicht recht wahrscheinlich! [...]
Quelle: Haxthausen, August Freiherr von, Die ländliche Verfassung in den einzelnen Provinzen der preußischen Monarchie, Band 1, Königsberg 1839,  S. 109 (Google Books, 10.10.2012)

 

Säckler und Weißgerber

Fundort: „Mein Heimatland", 1935, Heft 7-8, S. 267-271 (Vorgänger der Zeitschrift "Badische Heimat)

(Zusammengestellt frei nach Otto Langguth)

In einer Zeit, in der man es verstand alles im eigenen Land herzustellen was gebraucht wurde, waren der Säckler (auch Beutler genannt) und die Weißgerber unverzichtbare Handwerker in einer Stadt.
Wer nun aus dem Begriff Säckler einen Sackmacher ableitet, der Kartoffel- oder Mehlsäcke herstellt, hat weit gefehlt. Untrennbar gehörten der Weißgerber und Säckler zusammen, sie waren Zunftgenossen.
Was der einer herstellte, nämlich feines Leder, verarbeitete der andere zu allerlei nützlichen Gegenständen.
Im Gegensatz zu den Rotgerbern, die in aufwendiger Manier festes Schuhleder herstellten, verwendete der Weißgerber Schaf-, Ziegen- oder z.B. Hirschleder, um feines Ausgangsmaterial für hochwertige Kleidung oder spezielle Gebrauchsgegenstände bereit zu stellen.
Für diese dünnen Ledersorten wurde Fichtenlohe zum Gerben verwendet. Im Gegensatz dazu, brauchte der Rotgerber Eichenlohe für sein festes Material.
Lohe ist gemahlene Baumrinde, die erhitzt und ausgepresst wird, um den eigentlichen Gerbstoff (Loheextrakt) zu gewinnen. Ausgepresst wurde die Lohe von Lohkäs-Tripplern, die die Lohe mit ihren Füßen in runde Formen pressten. Der so genannnte Lohkäse wurde in großen Gestellen getrocknet und diente anschließend noch als billiges Brennmaterial.
Ob Säckler oder Weißgerber, die Handwerker hatten aus heutiger Sicht auch nur einen kleinen Wohlstand. In einem solchen Handwerkerhaus gab es einen Vorratsraum für das Material und eine Stube, die zugleich Wohn- und Arbeitsraum war. Zwei Schlafkammern für Eltern und Kinder, sowie der Dachboden als Schlafstelle für die Gesellen
ergänzten den genutzten Raum.
Freizeit ist ein moderner Begriff, früher gab es nur Feierabend oder Sonn- und Feiertage. So brauchte man auch kein Wohnzimmer im heutigen Sinn. Sonntags wurde die Werkstatt schön ausgefegt und mit feinem Sand bestreut und schon war für diesen Tag die gute Stube fertig.
Alle Familienmitglieder hatten ihre Aufgaben. Eine geschickte Tochter konnte z.B. aus sehr fein zusammen genähten Rehfellen ein großes Laken fertigen, auf dem hochgestellte Persönlichkeiten schliefen, ohne sich an einer drückenden Naht zu stören.
Der Säckler fertigte hirschlederne Hosen für Arm und Reich. Der Unterschied bestand in schönen Verzierungen wie Steppnähten, Stickereien oder kostbaren Knöpfen.
Der Name Säckler kommt aber wohl doch von dem Begriff Sack her, denn er machte auch die verschiedensten Geldsäckchen.
Da gab es welche die wie Tabaksbeutel zusammengezogen wurden, verschiedene Farben deuteten auf den Inhalt hin. Vielleicht ein roter Beutel für Goldstücke, ein weißer für Taler.
Es gab auch sogenannte Geldkatzen, lange lederne Schläuche, die man sich um den Bauch binden konnte. Jeder der Geld über Land bringen wollte hatte so eine Geldkatze.
Ob Viehhändler oder Bauer, jeder versuchte so sein Geld vor Straßenräubern zu schützen, dazu kam noch ein Stock, in dem ein Stoßdegen steckte.
Auch die Jäger brauchten besondere Beutel, für Pulver und Blei. Gleich eingearbeitet wurde ein Maß für das Zurechtmachen der Ladung.
Es gab Wetzsteintaschen, Ranzen, Sperberhauben, Waidzeug, Säbeltaschen. Kleidungsstücke wie Koller und Lederstrümpfe.
Handschuhe wurden zunächst auch von Säcklern hergestellt, erst später wurde der Beruf des Handschuhmachers eigenständig.
Alter Brauch war es, dass der Taufpate seinem Patenkind zum 6. Geburtstag solide Lederhandschuhe schenkte. Da sie für das ganze Leben halten sollten, waren sie gleich in entsprechender Größe gehalten.
Streit gab es immer wieder mit den Weißgerbern um das Vorrecht, mit Leder zu handeln.
Übertrat ein Handwerker in dieser Hinsicht seine Rechte, wurde er „mit der Flasche“ geahndet.
Er musste also ein bestimmtes Quantum an Wein bezahlen, durfte aber an dem Umtrunk selbst auch teilhaben, so dass am Ende alle wieder ausgesöhnt waren.

Weitere Berufe?

Kommentar von Peter Grenz |

Holzregimenter

Kommentar von Sven Meyer |

Habe in meiner Reihe:
Brenner, Büdner, Tagelöhner, Deputant, Milchfahrerin, Eigenthümer, Bauer!