Gemeindeseelenlisten

von Rainer Steingäber (Kommentare: 5)

Ein Blick in die Gemeindeseelenliste kann als Findemittel in der Ortsforschung dienen, wie ich am Beispiel der Gemeindeseelenliste von Zirchow im Kreis Stolp kurz beschreiben möchte.

 

Kopie der originalen Gemeindeseelenliste

Hoch lebe die Gemeindeseelenliste

Wer sich mit den Ortsbeschreibungen von Heimatorten beschäftigt, kommt um den Blick in die Gemeindeseelenliste (GSL) nicht herum. Ich habe diese für die Orte Kunsow und Zirchow vom Lastenausgleichsarchiv in Bayreuth angefordert und direkt danach in Kopie erhalten.
Für Zirchow waren es sieben DIN A4 und fünf DIN A3 Kopien und eine Versandpauschale für insgesamt 7,73 €.
Für andere Orte hatte ich sie von unserem Forscherkollegen Klaus Zoschke direkt erhalten und ihm im Gegenzug die Abschrift und Auswertung zugesandt. Diese Auswertungen flossen parallel in das Projekt des Globalindexes vom Stolper Heimatverein e. V. ein.
Das Interessante daran ist, dass die Gemeindeseelenlisten in den Jahren 1957/59 im Nachhinein aus dem Gedächtnis erstellt wurden und den Personenstand aus dem Jahre 1939 abbilden.
Je nachdem wer diese Listen erstellt hat, sind die Angaben zu den erfassten Familien unterschiedlich gut versorgt. Waren es befreundete Personen des/der Erfasser*in, waren auch teilweise alle Kinder mit Namen inklusive der Geburtsdaten hinterlegt. Von Saisonarbeitern des Gutes sind meist nur Eltern namentlich aufgeführt und die Gesamtanzahl der Kinder, manchmal noch nach Söhnen und Töchtern aufgeteilt.
Für Zirchow erfolgt in der GSL eine Unterteilung der Erfassungsblätter nach Besitzverhältnissen.
In einer Liste sind die über Generationen ansässigen Bauern erfasst, in der nächsten Liste die Bauern mit 10 ha Landbesitz, den sie bei der Aufsiedlung des Gutes Anfang der 30er Jahre erhalten haben.
Dann gibt es eine Gesamtübersicht über die Familien, die immer mit der Ehefrau des Bauern beginnt und den Vermerk enthält, zu welchem Bauer aus den ersten beiden Listen die Familie gehört.
Im Rahmen meiner Forschungstätigkeit konnte ich aber speziell die Familie des Ortspfarrers Siegfried Finkbein um alle Namen und Geburts- und Sterbedaten versorgen. Gleichzeitig habe ich zu einem Forscherkollegen Kontakt gefunden, der die „Finkbeiner“ deutschlandweit erforscht.
Die zweite Familie SCHÖNEGGE erschließt sich mir jetzt gerade im Zusammenhang mit dem bereits erwähnten Lapidarium auf dem ehemaligen deutschen Friedhof. Für die Dokumentation sucht der amtierende Ortsvorsteher Mariusz Narodzonek alte Fotos von diesem Friedhof. Leider konnte ich ihm damit nicht weiterhelfen. Jetzt hat er selbst ein Foto von einer Grabstelle erhalten, da die Tochter Anna Schönegge den Polen Josef Konieczna geheiratet hat und in ihrem Besitz noch ein Foto vom Grab ihres Bruders Emil und ihres Vaters Albert ist.
Mit diesen Angaben und dass Emil bereits 1939 gefallen ist, habe ich mich auf die Suche gemacht und siehe da, in der Gefallenenkartei der Deutschen Wehrmacht habe ich seine Karte gefunden. Emil ist bereits am 12. September 1939 als Schütze der 3. Kompanie des Infanterieregimentes 374 beim Forsthaus Lewitz gefallen. Dort steht auch mit dem 25. Dezember 1912 sein Geburtsdatum und Schorin im Kreis Stolp als Geburtsort.
Jetzt kommt wieder das letztens beschriebene genealogische Profiling ins Spiel. Ich hatte bei meinem Besuch im Herbst 2019 auf dem neueren deutschen, heutigen polnischen Friedhof zwei Gräber mit deutschen Namen entdeckt und abfotografiert. Ein Grab gehört zur Familie SCHÖNEGGE.
Als die Ehefrau Bertha am 15. November 1950 verstorben ist, hat die Familie die Daten von Vater Albert (03.09.1875 – 19.12.1943) und Bruder Emil (25.12.1912 – 12.09.1939) auf der Grabplatte ergänzt.
Dies Angaben habe ich jetzt ebenfalls in der GSL aufgenommen. Falls also mal ein Ortsfamilienbuch erstellt werden sollte, kann man bereits auf meiner erweiterten Gemeindeseelenliste aufsetzen.
Ihr seht also, wie man mit etwas Glück außerhalb jeder kirchlichen oder standesamtlichen Dokumentenlage doch noch zu Zufallstreffern kommen kann.

Viel Erfolg beim gemeinsamen Hobby !

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Kommentar von Peter Bork |

Hallo,
ich habe gerade eine Anforderung für eine Seeleniste beim Bundesarchiv "laufen". Ich erhielt vorab von der Bearbeiterin den Hinweis, dass alle Namen, außer der gesuchte, geschwärzt werden.
Da stellt sich mir die Frage, ob ich im Lesesaal auch Einschränkungen habe. Ich glaube nicht. Müsste u.U. dann ins Bundesarchiv fahren.

Kommentar von Christa Lorenz |

Guten Abend Rainer, zu meiner großen Überraschung habe ich die Namen meiner Großmutter HOPPE gefunden.Der Hof KAUTZ ist mir aus eigenem Erleben bekannt. Ich hatte bereits bei einem Treffen in Kassel mal nachgefragt, auf die Idee mit den Seelenlisten bin ich nicht gekommen-. Einige Informationen erhielt ich von Verwandten, ohne schriftliche Nachweise. Anna Hoppe geb. Kautz ist 2009 in Göddingen gestorben, Franz Hoppe bereits 1994.Möglicherweise exisieren noch einige Fotos.Guter Anlaß nochmal alles durchzusehen. Mit Dank für Anregung und Information Christa

Kommentar von Gustmann, Christian |

Hallo, bin sehr verwundert darüber dass die Seelenliste vom Lastenausgleichsamt in Bayreuth von Kunsow und Zirchow zur Verfügung gestellt wurde. Gleiches habe ich für einen Ort im Kreis Naugard beantragt, mit dem Hinweis auf den Datenschutz (eventuell noch lebende Personen) wurde mir diese verwehrt. Hat jemand ähnliche Erfahrungen gemacht? Wäre sehr interessiert ob ich eventuell eine spezielle Begründung bei der Antragstellung angeben muss. Christian

Kommentar von Rainer Steingräber |

Hallo Peter und Christian,
bei meiner Anfrage aus 2014 und auch in den Ahnenforschungsforen galt im Jahre 2016 noch folgende Antwort vom Archiv in Bayreuth.
Zwischenzeitlich muss es jetzt wohl geändert worden sein, wenn ich Eure Beiträge lese.
Anfrage:
Welche Möglichkeiten für einen Zugang zu der Information in den GSL gibt es?
Antwort:
"Eine (kostenlose) Einsichtnahme in die Mikrofilme vor Ort ist, ebenso wie die Bestellung von (kostenpflichtigen) Ausdrucken aus den Mikrofilmen, möglich. Bitte senden Sie hierfür den vollständig ausgefüllten und unterschriebenen Benutzungsantrag zurück. Achten Sie bitte insbesondere auf eine vollständige Themenangabe; Hilfestellung hierzu bietet die Ausfüllanleitung im Anhang. Gerne kann die Rücksendung in eingescannter Form als Mailanhang erfolgen. Bitte fügen Sie außerdem eine Kopie Ihres Personalausweises bei.
Die Kosten für Ausdrucke belaufen sich auf 0,41 Euro pro Seite. Hinzu kommen Verpackungs- und Versandkosten."

Kommentar von Uwe Kerntopf |

Es mag sein, dass mit Einführung der EU-DSGVO im Mai 2018 das Bundesarchiv die Regeln für die Herausgabe der Gemeindeseelenlisten geändert hat. Die Frage ist, ob der Grund "wissenschaftliche Arbeit" ausreicht, um heute noch an die komplette Liste zu kommen?
Viele, die früher von einem Ort im Kreis Stolp sich eine Liste besorgt haben, fragten und erhielten gleichzeitig die Erlaubnis eine Kopie an die Stolper Heimatstube abzugeben.